In den vergangenen Monaten haben wir uns gemeinsam mit sehr technischen Themen beschäftigt, darunter Betain, DMPT, Aminosäuren und den wichtigsten Attraktoren, deren Wirkung durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt wurde. Es waren wichtige Artikel, die uns geholfen haben zu verstehen, wie Karpfen Nahrung wahrnehmen und welche chemischen Signale ihr Fressverhalten tatsächlich beeinflussen können.
Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, diese Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen und zu zeigen, wie sie sich bei der Entwicklung eines modernen Boilies anwenden lassen.
Der Boilie, den ich euch heute vorstellen möchte, ist weit mehr als ein einfaches Sommerrezept. Er ist das Ergebnis eines vollständigen Entwicklungsprozesses, bei dem jede einzelne Zutat bewusst ausgewählt wurde und innerhalb einer klar definierten Strategie ihren festen Platz hat. Wir werden alle Bestandteile des Trockenmixes und der flüssigen Komponente einzeln analysieren und dabei nicht nur betrachten, welchen ernährungsphysiologischen Beitrag sie leisten, sondern vor allem, welche Stoffe sie im Wasser freisetzen, welche Synergien zwischen ihnen entstehen und warum sie gemeinsam ein Nahrungsprofil erzeugen, das sich deutlich von den meisten heute verwendeten Boilies unterscheidet.
Ich habe mich bewusst für eine Rezeptur entschieden, die sich von vielen Entwicklungen der vergangenen Jahre abhebt. Ihr werdet hier weder große Mengen an Fischmehlen noch extreme Spezialzutaten oder den Versuch finden, den höchstmöglichen Proteingehalt zu erreichen. Stattdessen werden wir sehen, wie sich mit verarbeiteten Getreiden, Hefen, fermentierten Produkten, pflanzlichen Rohstoffen und nur wenigen, gezielt ausgewählten tierischen Zutaten ein äußerst attraktiver Boilie herstellen lässt. Ein Köder mit einem ausgeprägten Geschmack, reich an natürlichen Fressreizen und gerade deshalb besonders interessant, weil er sich deutlich von dem unterscheidet, was Karpfen normalerweise kennenlernen.
Gerade dieser letzte Punkt verdient meiner Meinung nach besondere Aufmerksamkeit. Große Karpfen sind zugleich jene Fische, die im Laufe ihres Lebens die meiste Erfahrung gesammelt haben. Sie sind mit Tausenden von Boilies in Kontakt gekommen, die sich häufig auf denselben Zutaten und denselben Aromaprofilen aufbauen. Das bedeutet nicht, dass diese Köder ihre Wirksamkeit verloren haben. Es bedeutet vielmehr, dass ein neues, glaubwürdiges und wenig verdächtiges Nahrungsprofil einen Vorteil bieten kann, der keineswegs zu unterschätzen ist. Dabei geht es nicht um Neuheiten durch exotische Zutaten oder außergewöhnliche Aromen, sondern um eine Kombination natürlicher Nahrungssignale, die der Karpfen bislang kaum mit einem kommerziellen Boilie in Verbindung gebracht hat.
Ein weiteres Ziel dieses Artikels besteht darin zu zeigen, dass ein guter Boilie nicht durch die Suche nach einer Wunderzutat entsteht, sondern durch Ausgewogenheit. Das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile entscheidet über das Endergebnis weit mehr als die Qualität einer einzelnen Zutat für sich betrachtet. Deshalb werden wir uns die Zeit nehmen, jede einzelne Entscheidung bei der Entwicklung dieser Rezeptur zu analysieren und nachzuvollziehen, wie ein Bait Maker denkt, wenn er einen Köder von Grund auf entwickelt.
Das Rezept, das ich euch vorstellen werde, ist jenes, das ich für die Sommermonate in Gewässern mit einem hohen natürlichen Nahrungsangebot verwenden würde, wenn mein erklärtes Ziel große Karpfen sind. Es erhebt nicht den Anspruch, für jede Situation die perfekte Rezeptur zu sein, denn eine universelle Boiliemischung gibt es nicht. Es zeigt vielmehr ganz konkret, wie sich Biologie, Ernährung, Lebensmitteltechnologie und praktische Erfahrung in einer einzigen Formulierung miteinander verbinden lassen.
Das Rezept
Bevor wir auf die einzelnen Zutaten im Detail eingehen, möchte ich euch zunächst die vollständige Rezeptur vorstellen. Wie ihr sehen werdet, handelt es sich um eine vergleichsweise einfache Formulierung, die aus leicht erhältlichen Rohstoffen besteht und weder besonders teure noch schwer zu beschaffende Zutaten erfordert.
Der eigentliche Wert dieses Boilies liegt jedoch nicht in der Zutatenliste selbst, sondern in den Gründen für ihre Auswahl und vor allem darin, wie die einzelnen Bestandteile miteinander zusammenarbeiten. Genau das werden wir auf den folgenden Seiten Schritt für Schritt analysieren.
Trockenmix
30 % mikronisierte Pellets aus Brauereitrebern und Bierhefe
20 % doppelt gemahlener Hartweizengrieß
20 % vollfettes, geröstetes Sojamehl
20 % mikronisiertes, getrocknetes Brot
10 % Magermilchpulver
Zubereitung des Liquid Foods
Folgende Zutaten zu gleichen Teilen gründlich miteinander mixen:
100 % Erdnussbutter
fermentierte Garnelenpaste
dreifach konzentriertes Tomatenmark
natürlich fermentierte Sojasauce
So entsteht ein dickflüssiges Liquid Food, das außergewöhnlich reich an Geschmack und natürlichen Attraktoren ist.
Flüssigkomponente für 1 kg Trockenmix
100 ml Liquid Food
3 Tropfen Buttersäure
6 Tropfen ätherisches Rotthymianöl
5 bis 6 Eier (oder so viele, wie erforderlich sind, um die richtige Konsistenz des Teiges zu erreichen)
Ein kleiner Kniff, den ich seit vielen Jahren anwende, besteht darin, den Teig während der gesamten Verarbeitung möglichst kühl zu halten. Besonders an heißen Sommertagen genügt es, die Eier im Kühlschrank oder sogar für ein bis zwei Stunden im Gefrierfach aufzubewahren. Die niedrigere Temperatur verlangsamt die Aktivität der natürlich im Ei vorhandenen Enzyme, bewahrt flüchtige Aromastoffe besser und sorgt für einen stabileren sowie angenehmer zu verarbeitenden Teig – insbesondere dann, wenn man mit so gehaltvollen und komplexen Flüssigkomponenten arbeitet wie in dieser Rezeptur.
Nachdem wir nun die vollständige Formulierung gesehen haben, können wir alle Bestandteile einzeln analysieren. Ihr werdet feststellen, dass sich hinter einer scheinbar einfachen Rezeptur ein durchdachtes biologisches und ernährungsphysiologisches Konzept verbirgt, bei dem jeder Rohstoff eine klar definierte Aufgabe erfüllt und zum Gelingen des gesamten Boilies beiträgt.
Brauereitreber und Hefe: Ein moderner Rohstoff aus einer anderen Branche
Wie ihr gesehen habt, macht die erste Zutat sogar 30 % des gesamten Mixes aus. Das ist ein beachtlicher Anteil und verdient deshalb eine genauere Betrachtung.
Es handelt sich um Pellets für die Pferdefütterung, hergestellt vom deutschen Unternehmen Höveler, einem traditionsreichen Futtermittelhersteller, den ich seit einigen Jahren empfehle und selbst verwende. Kennengelernt habe ich dieses Produkt über das Springpferd meiner Ex-Frau, ein leistungsorientiertes Sportpferd, dessen Ernährung höchsten Ansprüchen genügen musste. (HIER KLICKEN, UM DAS PRODUKT KENNENZULERNEN)
Den Link zum Hersteller habe ich bewusst eingefügt, weil ich es für richtig halte, euch genau das Produkt zu zeigen, das ich selbst verwende. Gleichzeitig ermöglicht er auch Lesern aus anderen Ländern, dessen Eigenschaften besser zu verstehen und – falls gewünscht – eine vergleichbare Alternative im eigenen Land zu finden.
Im Bait Making besteht häufig die Tendenz, ausschließlich Zutaten interessant zu finden, die speziell für das Angeln vermarktet werden. Ich sehe das völlig anders. Viele der besten Rohstoffe, die ich in den vergangenen dreißig Jahren verwendet habe, stammen aus der Lebensmittelindustrie, der Futtermittelproduktion oder der Tierernährung. In diesen Bereichen werden Forschung, Technologie und Qualitätskontrolle mit einem Aufwand betrieben, der den unseres vergleichsweise kleinen Karpfenangel-Sektors bei Weitem übertrifft.
Wenn ein Rohstoff für Tiere mit hohem wirtschaftlichem Wert entwickelt wird, muss er höchsten Anforderungen hinsichtlich Qualität, Schmackhaftigkeit, Verdaulichkeit und gleichbleibender Produktionsqualität genügen. Genau das macht ihn für mich interessant.
In diesem Fall handelt es sich um eine Mischung, die hauptsächlich aus Brauereitrebern und Bierhefe besteht und zusätzlich einen kleinen Anteil extrudierter Leinsamen sowie Weizenkleie enthält. Auf den ersten Blick wirkt diese Zusammensetzung recht einfach, tatsächlich ist sie jedoch ausgesprochen durchdacht.
Brauereitreber sind das, was von der gemälzten Gerste nach der Bierherstellung übrig bleibt. Während des Mälzprozesses werden die natürlichen Enzyme aktiviert und wandeln einen Teil der Stärke in vergärbare Zucker um. Diese Zucker werden anschließend für das Brauen genutzt, während Fasern, Proteine, Lipide, Mineralstoffe und zahlreiche Aromaverbindungen, die während der Malzherstellung entstehen, erhalten bleiben.
Allein das würde bereits ausreichen, um diesen Rohstoff interessant zu machen.
Den entscheidenden Unterschied macht meiner Meinung nach jedoch die enthaltene Hefe.
Hefe liefert nicht nur Proteine. Sie enthält außerdem Peptide, freie Aminosäuren, Nukleotide, B-Vitamine sowie funktionelle Polysaccharide wie Beta-Glucane und Mannan-Oligosaccharide. Viele dieser Stoffe entstehen direkt durch das Wachstum und die Stoffwechselaktivität der Mikroorganismen und tragen dazu bei, ein ausgesprochen reichhaltiges und natürliches Nahrungsprofil aufzubauen.
Dabei ist es wichtig, einen grundlegenden Zusammenhang zu verstehen: Der Karpfen erkennt keine einzelnen Zutaten. Er erkennt Hunderte verschiedener Moleküle, die im Wasser gelöst sind.
Je besser diese Moleküle eine glaubwürdige Geschichte von Nahrung erzählen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fisch dieses Signal als echte Futterquelle interpretiert.
Brauereitreber, Malz und Hefe erzählen genau dieselbe Geschichte: die Geschichte verarbeiteter Getreide, mikrobieller Aktivität, Fermentation und organischer Substanz, die sich ständig verändert. Es ist eine biologische Sprache, der Karpfen während seines gesamten Lebens immer wieder begegnen.
Genau deshalb habe ich mich entschieden, diese gesamte Rezeptur auf diesem Rohstoff aufzubauen.
Hinzu kommt ein zweiter, ausgesprochen praktischer Vorteil, den ich als eine der größten Stärken dieses gesamten Projekts betrachte.
Diese Pellets lassen sich problemlos mikronisieren und direkt in den Trockenmix einarbeiten. Gleichzeitig können sie aber auch unzerkleinert in PVA-Beuteln oder PVA-Netzen verwendet werden.
Das bedeutet, dass Futter und Boilie exakt dieselbe Sprache sprechen. Die Stoffe, die der Karpfen wahrnimmt, wenn er den Futterplatz erreicht, sind dieselben, die er anschließend im Hakenköder wiederfindet. Es handelt sich nicht nur um eine gewisse Ähnlichkeit, sondern um eine echte chemische und ernährungsphysiologische Kontinuität.
Viele Angler unterschätzen diesen Aspekt. Ich hingegen halte ihn für eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten überhaupt, die Glaubwürdigkeit einer Köderpräsentation zu erhöhen.
Und genau über diese Glaubwürdigkeit werden wir beim nächsten Bestandteil weiter sprechen. Denn nachdem die ernährungsphysiologische Grundlage geschaffen wurde, braucht sie eine Struktur, die sie trägt und optimal zur Geltung bringt.
An dieser Stelle kommt der doppelt gemahlene Hartweizengrieß ins Spiel.
